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Steiler Aufstieg, tiefer Fall, harter Aufprall – Die BRICS- und MIST-Staaten im Niedergang? Teil I

Mai 25, 2014

Dass an der Börse die BRICS-Staaten, die Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika umfassen, als prägnanter Slogan für einen renditeträchtigen Zukunftsmarkt von den sogenannten MIST-Staaten abgelöst wurden (Mexiko, Indonesien, Südkorea und Türkei). Doch auch hier scheint nicht nur die Sonne.

Was ist geschehen? Haben die BRICS nicht langwieriges, rasantes Wachstum und damit satte Gewinne versprochen? Schwang nicht auch die Hoffnung mit, dass der entstehende Wohlstand auch eine Liberalisierung und Demokratisierung mit sich bringen würde? Gehörte nicht den Schwellenländern, die markant unter den BRICS subsumiert wurden und auch irgendwie für mehr als bloß die fünf Staaten stand, die das Kürzel bilden, die Zukunft? Der Westen war totgesagt. Die Finanzkrise kam einem Offenbarungseid nahe. Der Kapitalismus schien in den alten Wohlstandsgesellschaften sein Endstadium erreicht zu haben, gar in die Sinnkrise zu stürzen. Ökonomische Impulse wurden fast nur noch aus Schwellenländern erwartet. Diese naiven Vorstellungen fanden ein jähes Ende.

Alle BRICS-Staaten enttäuschen nicht nur mehr oder weniger ökonomisch, vielmehr stechen auch die soziale Unruhen sowie Demokratiedefizite immer deutlicher heraus. In der folgenden Reihe soll auf die einzelnen Staaten näher eingegangen werden.

Brasilien – Ein Wirtschaftswunderland tritt kürzer

Die ehemalige portugiesische Kolonie ist nach Höhe des BIP die sechstgrößte Volkswirtschaft. Das Land richtet dieses Jahr die Fußballweltmeisterschaft aus, in zwei Jahren folgen die Olympischen Spiele. Man sollte also meinen, dass Prestige, Wirtschaft und Einfluss die Wegweiser für die Zukunft sind.

Bis 2011 lag das Wachstum des BIP deutlich über dem OECD-Durchschnitt, 2010 sogar mit einem Vorsprung von 4,5% (OECD: 3%, Brasilien: 7,5%). Die Nation mit circa 200 Millionen Einwohnern kann auch auf riesige Rohstoffe zurückgreifen. Eisenerz, Öl und Gas sind in rauen Mengen vorhanden. Für ausländische Investoren bietet sich somit Zugang zu Ressourcen und einem nicht zu unterschätzenden Absatzmarktes. Für Brasilien selbst spielt der Binnenmarkt die entscheidende Rolle. So hält dieser einen Anteil von 80% am Bruttoinlandsprodukt. Die schwindende Anzahl von Armen und das Wachstum der Mittelschicht sorgte für den Boom.

Diese Ausgangsposition lässt viele Brasilien nicht bloß als eine regionale, sondern gar als globale Gestaltungsmacht erscheinen. Außenpolitisch gewann das Land somit rasch an Bedeutung. Nicht nur in Südamerika spielt es eine entscheidende Rolle. Auch in Afrika agiert Brasilien inzwischen als ein ernst zu nehmender Akteur. In internationalen Organisationen, wie zum Beispiel den Vereinten Nationen oder dem Internationalen Währungsfonds wird Brasilien zunehmend aktiver. Der wachsende Wohlstand sichert dabei Einflussmöglichkeiten.

 

Der rasche Aufstieg entpuppt sich allerdings zunehmend als kurzes Strohfeuer brasilianischer Geschichte. Das einst rasant aufwärts kletternde Wirtschaftswachstum basierte überwiegend auf dem Binnenmarkt. Erkauft wird der Boom mit einer steigenden Verschuldungsquote. Inzwischen sind um die 65% der brasilianischen Familien verschuldet. Horrende Zinsen werden dabei bei den weit verbreiteten Kreditkartenschulden fällig und bremsen den Konsum. In die Falle des American Way of Life im Sinne des Lebens auf Pump ging vor allen die sogenannte neue Mittelschicht, der im Zuge des Wirtschaftsbooms schnell wuchs. Nun droht im Gegenzug der schnelle Abstieg. Die brasilianische Regierung verschärft den Trend, indem Verbraucherkredite gefördert werden. Dieses (und weiteres) Geld fehlt für die Infrastruktur. Die große Fläche Brasiliens sorgt ohnehin für Schwierigkeiten beim adäquaten Ausbau sowie dem Unterhalt eines effizienten Transport- und Wegenetzes. Die Abhängigkeit von Straßen ist erheblich und doch sind gerade einmal 15% asphaltiert. Selbst dieser kleine Anteil ist oft im schlechten Zustand. Das Schienennetz ist in Relation zur Größe Brasiliens unbedeutend. Die Seehäfen weisen teilweise Mängel auf. Zusätzlich belasten hohe Gebühren bei ihnen den Handel.

Besonders deutlich wird das Investitionsdefizit, wenn man Brasiliens Investitionsquote betrachtet. Gerade einmal knapp unter 19% lag sie 2012. Andere Schwellenländer lagen deutlich darüber. In China lag ein Wert von 47%, in Indien 38%. Für die Zukunft heißt das nichts anderes, als dass der Rückstand zu anderen vergleichbaren Schwellenländern wächst. Staatliche Bemühungen, diese Situation zu verändern, laufen bisher ins Leere. Hohe Zinsen und eine schwächelnde Währung macht das Land für ausländische Investoren zu einer riskanten Sache. Der schwache Export wird hierdurch noch mehr belastet. Zusätzlich ist Brasilien in vielen Bereichen auf den Import angewiesen. Durch dessen Verteuerung fließt weiter Geld ab.

 

Auch im Bereich des Sozialen konnte Brasilien zunächst rasch Verbesserungen erzielen. Das Sozialsystem trägt zur effizienten Armutsbekämpfung bei. Viele Menschen konnten in die Mittelschicht aufsteigen. Problematisch dabei bleibt jedoch, dass es sich lediglich um eine statistische Zuweisung handelt. Sie entstand vor allen dadurch, dass untere Einkommen schneller als höhere wuchsen. Die Probleme der Unterschicht werden jedoch in die Mittelschicht importiert. Das heißt, dass prekäre Verhältnisse mit gewandert sind. Das betrifft Kriminalität, schwierige Wohnsituationen und oft nur kurze Arbeitsverträge. Hinzu kommt eine schlechte Versorgung durch das Gesundheitssystem und einem miserablen Bildungssystem. So sind Grundschulen schon schwierig zu erreichen, weiterführende Bildungseinrichtungen sind jedoch nur in größeren Städten vorhanden. In Bezug auf den schlechten Ausbau der Infrastruktur sind Bildungsangebote gerade für ärmere kaum zu erreichen. Die Kosten für Bücher, Hefte und Schuluniformen sind für viele Familien untragbar. Studienplätze sind nur in kleiner Zahl verfügbar, weswegen der Konkurrenzdruck unter den Anwärtern recht hoch ist. Die Qualität an den Hochschulen, die in der Regel nur mangelhaft ausgestattet sind, lässt auch zu wünschen übrig. Das schlechte Bildungsniveau wirkt sich einerseits schlecht auf die Produktivität der Brasilianer aus. So sinkt sie, obwohl in den Nachbarstaaten Fortschritte zu verzeichnen sind. Ein US-Amerikaner ist sechsmal so produktiv wie ein Brasilianer. Unzufriedenheit seitens der Wirtschaft, die Schwierigkeiten hat, Fachkräfte zu finden, und der Bevölkerung, die um die Schlüsselposition der Bildung weiß, sind die Folge. Im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft denken nicht wenige darüber nach, ob die brasilianische Administration nicht falsche Schwerpunkte setzt. Milliardenhohe Aufwendungen für Stadien, Ressorts und ähnliches könnten in das marode Bildungswesen oder das Transportnetz investiert werden.

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From → Gesellschaft, Politik

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