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Eine heilige Grenze – das Tempolimit

Mai 10, 2013

Sigmar Gabriel befürwortete in einem Interview der Rheinischen Post das von den Grünen geforderte Tempolimit von 120 km/h auf deutschen Autobahnen. Im Wortlaut klang das folgendermaßen:

Die Grünen fordern in ihrem Wahlprogramm auch Tempo 120 auf der Autobahn und Tempo 80 auf der Landstraße. Was halten Sie davon?

Gabriel Der Rest der Welt macht es ja längst so. Tempo 120 auf der Autobahn halte ich für sinnvoll, weil alle Unfallstatistiken zeigen, dass damit die Zahl der schweren Unfälle und der Todesfälle sinkt. Die Grünen allerdings wollen diese Geschwindigkeitsbegrenzungen, um den Klimaschutz voran zu bringen. Ich glaube, dass die Wirkung dafür sehr, sehr begrenzt ist. Da sind modernere Motoren und Elektromobilität viel wirksamer. Die Frage, ob Tempo 80 auf der Landstraße sinnvoll ist, überlasse ich gerne den Ländern. Ich bin kein Anhänger der Theorie, dass in der Politik alles Gute von oben kommt. Länder und Kommunen wissen besser, auf welchen ihrer Straßen wie schnell gefahren werden soll.“

(Quelle: http://www.rp-online.de/politik/deutschland/sigmar-gabriel-fuer-tempo-120-auf-autobahnen-1.3384063)

Eine unschuldige kleine Frage mit einer Meinung als Antwort. Recht harmlos, könnte man zumindest meinen. Doch die freie Autobahn ist dem Deutschen ein kulturelles Merkmal, ein Symbol der herausragenden Ingenieurkunst und letztendlich die Versinnbildlichung der Freiheit. So musste man auch nicht lange auf diverse Dementis warten. Der amtierende Verkehrsminister Ramsauer (CSU) etwa sprach sich gegen eine allgemeine Begrenzung aus und auch der Parteigenosse und Kanzlerkandidat der SPD Steinbrück. Die Medien konstruierten schnell das Bild der heillos zerstrittenen Sozialdemokraten, der politische Gegner wartet mit der Panikmache vor dem Kontrollstaat auf.

Das ist alles Ergebnis der kleinen Nachfrage, was Herr Gabriel denn von einem Tempolimit hält. Mit Meinungen sollte man möglichst hinter dem Berg halten, sonst könnte man stürzen. Steinbrück machte diesbezüglich schon mehrfach schlechte Erfahrungen. Analog zur Fraktionsdisziplin bei Abstimmungen im Bundestag müsste man im politischen Wortschaft endlich den Begriff Öffentlichkeitsdisziplin verinnerlichen. Bloß nicht über die Stränge schlagen! Merkel macht es mit ihrer zurückhaltenden Art vor. Einzig die Alternativlosigkeit hängt ihr noch nach. Nun gut, um politische Sitten oder die traurige Entwicklung der öffentlichen Meinungsdiktatur in Debatten soll es hier nicht gehen, sondern um den Sachverhalt des Tempolimits.

 

Wie bereits angedeutet, eine Begrenzung der Geschwindigkeit auf den Asphalt ist hier zu lande eine heilige Kuh, die man nicht einmal im Gedankenspiel schlachten sollte. Schnell wird die logische Verknüpfung „weniger Geschwindigkeit – weniger Tote“ zerpflückt. Die meisten Verkehrsopfer müssen ihr Leben auf Landstraßen oder im Stadtverkehr lassen. Das sollte auch kaum verwundern, da in Orten schutzlose Fußgänger und Fahrradfahrer dem Metall ausgesetzt sind. Auf Landstraßen gerät man schnell in den Gegenverkehr oder in eine Böschung oder gar in einen Baum. Soweit so gut, also doch kein Tempolimit?

Ich persönlich sehe das anders. Es kann ein Gefahrenpotential eingeschränkt werden. Bei hohen Geschwindigkeiten steigt die Reaktionszeit, der Bremsweg und die Kräfte wirken bei eventuellen Unfällen heftiger. Wie schnell einmal das Stauende heranrückt, Gegenstände auf die Fahrbahn geraten, wie vielleicht Planen, Holzpaletten, Reifenteile oder sogar ganze von Träger gefallene Fahrräder, das Wild wechselt oder eine Schafherde sich verselbstständigt ist kaum abzusehen. Auch das Fehlverhalten von anderen Verkehrsteilnehmern kann nicht ausgeschlossen werden. Oft fehlt dann einmal der Schulterblick beim Spurwechsel, man schwenkt versehentlich auf die andere Spur oder dergleichen. Durch ein allgemeines Tempolimit bleiben solche Gefahren überschaubarer.

Aber nicht nur Gefahrenprävention mag ein Argument für eine Begrenzung sein. Auch der Verschleiß der und auf der Autobahn dürfte erhebliche Einsparpotentiale mit sich bringen. Nicht nur Benzin und Gummi könnte somit gespart werden, auch die Belastung des Straßenmaterials würde sinken. Das Sparpotential macht sich gewiss auch in der Umwelt bemerkbar. Weniger Ruß, Kohlenstoffdioxid und Lärm wurde emittiert werden.

 

Abschließend möchte ich für einen Kompromiss plädieren. Es sollte ein allgemeines Tempolimit von 150 km/h gelten. Zwar kann diese Zahl nicht empirisch unterfüttert werden, jedoch halte ich sie für eine annehmbare Einschränkung. Sie soll helfen Sicherheit und Nachhaltigkeit zu stärken. Die paar Minuten sollte man sich auf der Autobahn die Zeit nehmen zu können. Oder ist der Deutsche hier so stur, wie der US-Amerikaner, wenn es um die Regulierung rund um den Waffenbesitz geht?

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From → Gesellschaft, Politik

7 Kommentare
  1. drbruddler permalink

    Wäre ja auch ein Skandal wenn da mal wirklich was unbegrenzt in unserm „deutsch“-Land ist. Für alles findet sich irgendein Grund, daher laßt einfach mal die Butter bei de Fische.
    Habt ihr das mal ausprobiert? Bei Tempo 120 (real 130) wird man ständig ausgebremst und kann fast gar nicht das Tempo halten und wenn man wirklich ungestört fahren möchte, trete aufs Gas und warte bis die Bahn weniger voll ist. Ich hatte dabei mehr Stress als mit Tempo 180 und das nur weil, rücksichtslose Überholmanöver getätigt werden und ständig auf die Bremse gelatscht werden muß. Ich denke das ganze Gezeter liegt mehr am §1 der STVO, der immer mehr vergessen wird.
    Ist nur ein Ablenkungsmanöver/Unkenruf vom Peer, weiter nichts.

    • Ich musste beruflich sehr viel pendeln und dabei habe ich das durchaus ausprobiert. Ich hatte 3 Wildunfälle und einen, bei dem jemand mit 80 km/h ausscherte ohne den Schulterblick oder ein Blinken. Dem guten bin ich mit „laschen“ 120 ausgewichen. Das ging relativ glimpflich aus, da ich in Richtung linke, dann rechte Leitplanke über eine dreispurige Autobahn schlittern durfte. Nackentrauma war dafür noch harmlos.
      Auch jetzt fahre ich häufig quer durch die Republik, teilweise über 700km. Das schafft man auch mit 120/130 km/h ganz gut.

      • drbruddler permalink

        Klar schafft man das, wie beschrieben, aber brauchts dafür wirklich ein Verbot? Vollpfosten fahren immer rum, ob langsam oder schnell. Was wir brauchen ist wieder mehr Übung in Rücksichtnahme. Wenn jemand einen Laster überholen möchte, dann muß man den rauslassen und wenn da einer schnell von hinten ankommt, den kann man auch gut vorbeifahren lassen. Ich fahre jetzt schon seit mehr als 30 Jahren unter diesen Kampfregeln und habe es trotzdem immer wieder geschafft, auch mit mehr als 200 km/h, in dem ich die Bremse anstatt die Lichthupe benütze und in dem ich mir überlegt habe, ob ich da jetzt unbedingt da links rüberziehen muß oder vielleicht 5 sek. später. Und siehe da, meistens gehts.
        Wenn man vom Ausland nach D fährt fällt eines sofort auf, hier pocht jeder auf seine Rechte.
        Wer nach Verboten schreit, ist zu faul zum selber denken. Nicht böse gemeint, aber ist da nicht was Wahres dran? Und um wieviele Autobahnkilometer geht es da wirklich? Für mich ist das jetzt die Beschneidung des letzten Restes von Freiheit. Nur halt nicht zu Lasten der Mitfahrer, so viel Hirn muß noch da sein.

      • Ich verstehe nicht, was die Befürwortung eines allgemeinen Tempolimits mit unselbstständigen Denken zu schaffen haben soll. Inwiefern symbolisiert denn jetzt die Autobahn wirklich Freiheit? Kann man sich nur bei 200 km/h frei fühlen? Hier möchte ich die Analogie zur Gesetzgebung bezügllich Feuerwaffen in den USA aufgreifen. Auch hier wird die Freiheit bemüht, obgleich es signifikante Probleme mit der Sicherheit gibt.
        Meine persönliche Erfahrung zeigt, dass viele Verkehrsteilnehmer sich eben nicht rücksichtsvoll im Straßenverkehr verhalten. Zusätzlich findet kaum eine Überwachung der vorhandenen Regulierungen statt. Hier kann auch noch nachgesteuert werden.

      • drbruddler permalink

        Nun, die Freiheit das selbst zu entscheiden. Haben wir nicht schon zu viele Verbote? Soll ich jetzt auch noch auf das verzichten, nur weil es ein paar Spinner gibt? Leider ist der Strassenverkehr auch ein Spiegel der Gesellschaft. D.h. je rücksichtsloser, desto mehr wird mit Ellenbogen gearbeitet, auch im normalen Leben. Es ist ein sehr subjektives Erlebnis für jeden, daher prägt das wohl auch. Verbote provozieren das eher, als sie es vermeiden.
        Zur Frage direkt, ja. Da fühle ich mich wirklich frei, aber das tue ich auch immer dann, wenn ich kein Verbotsschild sehe. Ausserdem wird derzeit viel zu viel überwacht und meistens da, wo es am wenigsten Sinn aber meisten Geld in die Kasse spült. (das deckt sich mit deiner Aussage) Insofern bin ich eher für weniger als mehr Überwachung, aber dafür gezielter und verhaltensorientiert anstatt gewinnorientiert. Daher lasse ich mich diesbezüglich von keiner politischen Leuchtrakete ablenken.

      • Keine Einschränkung, nur weil es ein paar Spinner gibt? Betonung von Verbotsschildern. Meine zuvor angeregte Analogie verdichtet sich.
        Ein Tempolimit ist jetzt m.E. nicht der große Eingriff in die Freiheit, da man kaum in seinen Wahlmöglichkeiten behindert wird, etwa wohin oder mit welchen verkehrsmittel man reisen möchte. Seine Freiheit in der Fortbewegungsgeschwindigkeit zu definieren, halte ich für sehr kurz betrachtet.

        Dass Kontrollen nur zum Kassen füllen iseien sollen ist wohl auch ein scheinheiliges Argument. Bisher sind Geschwindigkeitsbegrenzung irgendwie begründet, entweder durch die Fahrbahnqualität, Streckenneigung, Streckenbiegung usw. Eine verkehrsichernde Überwachung kann nur durch bekannte fixe Anlagen erreicht werden.

  2. drbruddler permalink

    Das hab ich jetzt befürchtet, da sind die Fronten glasklar. Daher nur kurz zu den Geschwindigkeitsbegrenzungen. In meiner Nähe gibt es gerade einen vielbefahrenen Zubringer zur Autobahn (nicht offiziell, aber der kürzeste Weg dorthin und wer fährt heute schon ohne NAVI?). Dort muß die Strasse saniert werden, das schon seit mehr als 5 Jahre lang, die wurde jetzt auf Tempo 50 limitiert ca. 2 km lang. Da hält sich kein Schwein dran, denn das ist eine ganz normale Landstrasse, die noch recht gut befahrbar ist.
    Mit Freihheit ist gemeint, dass es dazu noch keine Regel gibt und ich noch nach eigenem Ermessen handeln darf. Schon allein deshalb rufe ich auch nicht danach. Der klügere fährt nur rücksichtsvoller, damit sie gar nicht erst kommt. Darum geht es. Gute Fahrt weiterhin.

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