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Von der Kirche zur Moschee – Sind Werte in Gefahr?

Februar 26, 2013

In Hamburg sorgt ein eher ungewöhnlicher Vorgang in Deutschland für Aufregung. Eine ehemalige evangelische Kirche wurde von einer muslimischen Gemeinde erworben. Nicht direkt von den Protestanten. Die verkauften das alte Gotteshaus bereits vor geraumer Zeit, nachdem sie die Kirche entwidmeten. Das Gebäude selbst ist denkmalgeschützt und wurde deswegen nicht abgerissen. Ein Gottesdienst fand dort seit über 9 Jahren nicht mehr statt. Das Objekt wurde nun als reguläre Immobile weiter veräußert. Jetzt soll die Kapernaum-Kirche in eine Moschee umgebaut werden. Das Gebäude an sich ist in einem fragwürdigen Zustand und war dem Verfall mehr oder weniger preisgegeben. So wird der Umbau wohl an die Millionen-Euro-Marke heranreichen. Das Äußere wird sich aufgrund des Denkmalschutzes wohl kaum ändern. Auch auf den traditionellen Muezzin möchte die Al-Nour-Gemeinde als neue Nutzer verzichten. Endlich bekommt die Gruppe eine angemessene Räumlichkeit und verliert den Eindruck einer Hinterhof-Gemeinde.

Dennoch bleibt ein seltsamer Nachgeschmack bestehen. Unter der Bevölkerung herrscht breite Skepsis. Darf ein christliches (ehemaliges) Heiligtum einfach für eine andere Religion verwendet werden? Steht der Umbau für einen fundamentalen Wandel im Abendland? Erobert eine fremde Kultur fortschreitend das Stadtbild?

Gerade bei mir Konservativen schleichen sich solche Gedanken ein. Das eigene Weltbild wird schlichtweg auf die Probe gestellt. Die schreckerregendste Erkenntnis ist wohl, dass die deutsche Gesellschaft in ihrer traditionellen Prägung die eigene Identität in Form eines kollektiven Zusammenhalts zunehmend aufgibt. Alleine die Tatsache, dass Kirchen verwaisen, sollte mehr Grund zur selbstreflektierenden Betrachtung liefern als zur Sorge vor einer fremden Okkupation heimischer Kulturräume. Erst der Zerfall eigener Bräuche und mangelndes Engagement liefert in einer gewissen Weise das Vakuum. Ist somit die Empörung über Muslime in einer ehemaligen Kirche die Kompensation für die unterbewusste Erkenntnis über eine voranschreitende Transformation der Gesellschaft, die ihre einstigen Anker der Stabilität einbüßt? Machen Muslime vielleicht nicht selbst als solche in Form einer abstrakten, fremden Eroberung Angst, sondern zwingen schlichtweg zur Auseinandersetzung über den Fortgang von Werten, die man als fest etabliert glaubte? Faktisch verliert der religiöse Glaube in seiner institutionalisierten Form zunehmend an Anhängerschaft. Den Kirchen laufen ihre Schäfchen davon. Hingegen scheinen die Muslime ihren Glauben immer noch aufrichtig zu praktizieren, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Dadurch geht ein wesentlicher Faktor der Identifikation verloren. Das christliche Abendland wird voranschreitend agnostisch, wenn nicht gar atheistisch. Religion selbst ist jedoch ein wesentlicher Bestandteil des hiesigen Menschenbildes. Sei es die Gleichheit der Menschen als gleichwertige Geschöpfe Gottes oder ein ausdifferenzierter Gerechtigkeitsbegriff. Der Ursprung markanter weltanschaulicher Betrachtungen entstammt dem christlichem Glauben. Assoziiert man nun also, gleich ob bewusst oder unbewusst, den Verfall einer prägenden ethischen Säule mit der Verdrängung der verankerten Werte durch neues und fremdes Gedankengut, entzündet sich zwangsläufig ein Pulverfass. Geht das lieb gewonnene Menschenbild gar verloren, was sich latent bereits etwa mit der pauschalen Anklage gegenüber dem Frauenbild im Islam durch handfeste Kritik bereits äußert?

Dennoch bietet gerade diese Transformation enorme Möglichkeiten. Nicht nur, dass Muslime und Christen enger zusammenrücken können, sondern auch der mögliche Einfluss abendländischen Denkens, speziell die aufklärerische Ausprägung, kann zur Überbrückung sozio-kultureller Spannungen führen. Zwangsläufig findet eine Gegenüberstellung beider Religionen statt. Zwangsläufig muss man sein Wertbild auf den Prüfstand stellen. Zwangsläufig muss man einen Weg finden, mit dieser Situation zurechtzukommen. Ob sich hier eine Bedrohung entfaltet oder eine Chance bietet, manifestiert sich erst im weiteren Umgang mit dieser Entwicklung.

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From → Gesellschaft, Kultur

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