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Einen Sündenbock fürs Volk!

Februar 12, 2013

Die USA verklagen die Rating-Agentur Standard & Poor’s. Endlich stehen die Bösewichter am Pranger und müssen die Härte des Gesetzes spüren. Die Süddeutsche Zeitung lobt den Ansatz als juristische Aufarbeitung (Vgl. USA verklagen Ratingagentur auf mehr als fünf Milliarden Dollar auf: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/klage-gegen-ratingagentur-meinungsfreiheit-die-milliarden-kostet-1.1592127). Die Welt stimmt mit ein. So titelt Jan Dams: Den Ratingagenturen droht die gerechte Strafe (http://www.welt.de/wirtschaft/article113403565/Den-Ratingagenturen-droht-die-gerechte-Strafe.html). Zahlreiche Kläger schließen sich an. Nach dem Schwall an Klagen gegen die Agenturen sind weitreichende Regulierungen zu erwarten. Immerhin erwartet man von einem Rating, dass es vollkommene Sicherheit gewährleistet. Bequem um sich selbst in die Unmündigkeit zu begeben. Das Risiko soll als weit möglich ausgelagert werden.

An dieser Stelle soll nicht unterschlagen werden, dass innerhalb der Ratingagenturen tatsächlich einiges schief lief. Das scheinen die frappierenden Unterhaltungen via Mail und Instant-Messenger zu belegen. So soll die Immobilienblase seitens der Mitarbeiter schon Anfang 2007 als solche klar erkannt worden sein (Vgl. „Es wird böse enden“ auf: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-dienstleister/mails-der-ratingagentur-sundp-es-wird-boese-enden/7745762.html).

Aber leider täuscht die staatliche und gesellschaftliche Empörung über wesentliche Krisenursachen hinweg. Der Gau ist nämlich hausgemacht. Eine strikte Regulierung hievte wenige Rating-Agenturen in ein Oligopol. Die Idee, den Markt zu fesseln, sorgte somit für genau das Gegenteil. Schon 1936 zwang die US-Börsenaufsicht Banken dazu, externe Ratings zu akzeptieren und sogar zu nutzen, um diverse Finanzprodukte handeln zu dürfen. Diese Ratings unterlagen keinem staatlichen Standard, sondern den privatrechtlichen Ratingagenturen. 1975 und damit noch ihn den Nachwehen der Ölkrise zurrte die US-Börsenaufsicht das regulative Netz enger. Unter dem Namen „Nationally Recognized Statistical Rating Organization“ werden im Prinzip Lizenzen für Ratingagenturen vom US-Staat verteilt, deren Arbeit bindend für die Risikobewertung von Bilanzen ist. Unmittelbar vor Ausbruch der Immobilienkrise in der USA waren sieben Agenturen anerkannt. Um eine Zulassung auf dem US-amerikanischem Kapitalmarkt zu erhalten, bedarf es der Bewertung von mindestens zwei dieser Agenturen. Die Unternehmen werden folglich gezwungen, sich von einem Oligopol bewerten zu lassen.

Auch in Europa, wo sich nach der Krise oft die Kritik gegenüber den großen Agenturen äußerte, trug man kräftig zur misslichen Situation bei. Für Deutschland stellt sich dies speziell folgendermaßen dar. Die Bankenaufsicht BaFin zieht im Zuge der Eigenkapitalvorschriften ebenfalls externe Ratingagenturen heran. Gemäß der getroffenen Risikobewertungen müssen also die Bankinstitute ein Geschäft mit Eigenkapitaleinlagen decken. Besteht kein Rating, so müssen zum Beispiel Nicht-Banken mit 100% Risiko eingestuft werden. Die Motivation einer Kreditanstalt einem nicht bewerteten Unternehmen Geld zu leihen wird somit gesenkt. Sobald ein Konzern also vor allen größere Summen aufnehmen möchte, muss er sich fast zwangsläufig an eine Agentur wenden. Da nun aber innerhalb der EU ebenfalls enorm hohe Hürden für die Gründung beziehungsweise die Anerkennung einer solchen bestehen, wird die Position des Oligopols gefestigt.

Die Strategie gegen die Abhängigkeit von solchen Ratingagenturen ist nicht etwa die Liberalisierung des Kreditmarktes, was ohnehin nach der Krise unpopulär wäre, oder die freiheitliche Gestaltung der Zulassung von möglichen Konkurrenten im Ratinggewerbe. Vielmehr versucht man eine politische Lösung zu finden. Eine europäische Agentur soll helfen, die Bewertung von Krisenstaaten wie Griechenland, Spanien, Portugal oder Italien zu drücken. Hierdurch wird der nächste Sündenfall provoziert. Wiederum bahnt sich eine Monopolstellung einer genehmen Agentur an, deren Maßstäbe sich an den politischen Alltagswillen richten soll.

Es bleibt zu hoffen, dass es nicht beim Schlachten einzelner Sündenböcke durch die (US-) Justiz bleibt, sondern dass die richtigen Konsequenzen aus der Krise gezogen werden. Gemäß des sich anbahnenden Regulierungswahns unter Jubel der Öffentlichkeit darf man diese Hoffnung wohl begraben.

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4 Kommentare
  1. Danke für den Artikel. Ich habe mich schon des öfteren gefragt. warum die Rating-Agenturen so großen Wirbel verursachen können. Wenn natürlich staatliche Stellen diese mit entsprechenden Vollmachten ausstatten (und sich jetzt darüber beschweren) wundert mich nichts mehr.

    Ich dachte immer, es wäre sinnvoller, sich bei einer Kreditvergabe an den Fakten zu orientieren. Stattdessen scheinen Banken verpflichtet zu sein, sich an fragwürdige Urteile fragwürdiger Agenturen orientieren zu MÜSSEN.

    Verrückte Welt.

    • Die frage ist nur, wie man dieses Problem lösen kann. Zweifelsohne ist die Eigenkapitalvorschrift gemäß Risikoniveau recht sinnvoll, wie verbindlich dürfen und können dann Ratings aber sein? Man müsste eine unabhängige Behörde schaffen, die in ihrem Selbstvertändnis wie die Bundesbank agieren sollte. Hier ergibt sich allerdings ein viel zu hohes Spannungsfeld, gerade wenn man die Vorwürfe betrachtet, wie die EZB ihre Unabhängigkeit verloren habe.
      Dementsprechend müsste man die Zertifizierung für Agenturen ausweiten oder gesetzliche Vorgaben bezüglich der Erstellung von Ratings machen. Jeder Lösungsweg ist so hochkomplex, dass er m.E. nicht auf die Schnelle bewältigt werden kann.

  2. Immerhin ist es ein Fortschritt, dass die Rating-Agenturen zu mehr Transparenz bewegt werden und sich messen lassen müssen – an der Substanz dessen, was sie raten. (kleine Wortspiel 🙂

  3. Entschuldigung, aber einige Details sind nur semi-korrekt. So muss der Kredit an ein ungeratetes Nicht-Finanzunternehmen mit 100% von 8% der Kreditsumme mit Eigenkapital unterlegt werden (und gilt nicht als 100% Risiko, was einen sicheren Ausfall bedeuten würde). Und externe Ratings sind nur dann hilfreich, wenn nicht über einen Bankkredit, sondern auf dem Kapitalmarkt finanziert werden soll. Als Alternative zu den Agenturen wurden mit Basel II bankinterne Ratings zur Berechnung der Eigenkapitalunterlegung zugelassen. In den USA sind zwei externe Ratings der großen 3 Agenturen verpflichtend, in Deutschland haben einige Unternehmen Anleihen ohne externes Rating platziert. Das funktioniert aber nur bei bekannten Firmen mit entsprechendem Vertrauen bei den Marktteilnehmern.

    Und die rechtlichen Hürden zur Gründung einer Ratingagentur in Europa sind nicht unüberwindbar. Das größere Problem ist, ohne Historie Vertrauen bei den Marktteilnehmern aufzubauen.

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