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Antisemitismus und Antibiotika

Januar 10, 2013

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum im sonnigen Los Angeles sorgte für ordentlich Aufregung als es den Verleger und Journalisten Jakob Augstein auf die Liste der zehn schlimmsten Verunglimpfungen gegenüber Juden auf Platz neun setzte. Der Rabbiner Cooper begründete die Entscheidung überwiegend durch israelkritische Artikel auf Spiegel-Online. Dabei kommt Herrn Augstein die Ehre zu, mit den meisten Belegen konfrontiert zu werden. Den erstplatzierten Muslimbrüdern (eine ganze Gruppe und nicht nur ein einzelner Akteur) widmet man gerade einmal zwei kurze Zitate. Augstein wird gleich fünf mal bemüht und scheint fast den meisten Platz einzunehmen. Doch was hat der Journalist denn nun genau verbrochen?

Daher muss man sich die Zitate vor Augen führen:

Mit der ganzen Rückendeckung aus den USA, wo ein Präsident sich vor den Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen sichern muss, und aus Deutschland, wo Geschichtsbewältigung inzwischen eine militärische Komponente hat, führt die Regierung Netanjahu die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs.“

Dieses Zitat stammt aus einem Debattenbeitrag (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jakob-augstein-ueber-guenter-grass-israel-gedicht-a-826163.html) um Günther Grass Gedicht „Was gesagt werden muss“. Eindeutig geht es um die Politik der israelischen Administration, die im Angesicht einer äußerst feindlichen Umgebung ein riskantes Muskelspiel liefert. Treffend wird hierbei in der Bewertung berücksichtigt, dass einflussreiche jüdische Lobbygruppen die enge Bindung an die USA nutzen, um eigene, religiös motivierte Interessen zu verfolgen. Ebenso wird festgehalten, dass Deutschland sich durch seine leidvolle Vergangenheit eng an Israel gebunden fühlt. Diese beiden Umstände macht man sich in Tel Aviv zu Nutze. Werden dadurch Juden als solche diffamiert, diskreditiert oder anderweitig angegriffen? Dann sollte man sich überlegen, wie weit Kritik am Regierungsstil des Papstes als Oberhaupt von Vatikanstadt als Hassgesang gegen das Christentum zu bewerten ist.

Aus dem selben Beitrag zieht man weiterhin:

„Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt, ein Schriftsteller, ein Nobelpreisträger, weil Günter Grass ihn sagt. Darin liegt ein Einschnitt. Dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen.“

Haben Sie etwas gegen die religiöse Gruppe der Juden gelesen? Man könnte jetzt natürlich darüber streiten, inwieweit eine von Juden dominierte Regierung und eine schwache Repräsentation der arabischen Bevölkerung in der Knesset jetzt zu einem Alleinstellungsmerkmal jüdischen Handelns der israelischen Administration führt.

Das nächste Zitat entstammt dem Artikel „Gesetz der Rache“ (http://www.spiegel.de/politik/ausland/jakob-augstein-ueber-israels-gaza-offensive-gesetz-der-rache-a-868015.html):

„Israel wird von den islamischen Fundamentalisten in seiner Nachbarschaft bedroht. Aber die Juden haben ihre eigenen Fundamentalisten. Sie heißen nur anders: Ultraorthodoxe oder Haredim. Das ist keine kleine, zu vernachlässigende Splittergruppe. Zehn Prozent der sieben Millionen Israelis zählen dazu.“

Glücklicherweise weißt das Simon-Wiesenthal-Center nicht auch auf die Tatsache hin, dass Herr Augstein nicht nur Juden angreift, nein, er sagt sogar dass es islamische Fundamentalisten bei den Muslimen gibt. Der anhaltende Konflikt produziere eine langwährende Feindschaft und werde von Netanjahu beziehungsweise seiner Partei als Wahlkampfinstrument genutzt. Hier könnte man ansetzen. Herr Augstein versäumt es zu erwähnen, dass auch palästinensische Akteure den Konflikt nutzen, um ihre Machtbasis zu sichern. Was hätte die Hamas auch von einer friedlichen Einigung? Asche auf Augsteins Haupt für diese einseitige Betrachtung. Aber hier Antisemitismus herauszulesen, gestaltet sich doch als schwierig.

„Wem nützt die Gewalt?“ Das fragt Augstein in einem weiteren Beitrag (http://www.spiegel.de/politik/ausland/mohammed-film-wem-nuetzt-die-welle-der-wut-in-der-islamischen-welt-a-856233.html#ref=rss). Er hält fest, dass die Gewaltexzesse im Rahmen des Arabischen Frühlings geschickt von den US-Republikanern und der israelischen Regierung ausgenutzt werden. Diesen Schluss zog er aus der damals bevorstehenden US-Präsidentschaftswahl und dem Drängen der israelischen Administration gegen die iranischen Bemühungen um die Stellung einer Atommacht. Subtil umschreibt er auch den Nutzen aus der außenpolitischen Blässe Obamas, der die großen Hoffnungen, die durch den Friedensnobelpreis unlängst am Überkochen waren, schlichtweg enttäuschte und sich auch als Normalsterblicher offenbaren musste. Griffig greift man in Los Angeles diesen Passus heraus:

Das Feuer brennt in Libyen, im Sudan, im Jemen, in Ländern, die zu den ärmsten der Welt gehören. Aber die Brandstifter sitzen anderswo. Die zornigen jungen Männer, die amerikanische – und neuerdings auch deutsche – Flaggen verbrennen, sind ebenso Opfer wie die Toten von Bengasi und Sanaa. Wem nützt solche Gewalt? Immer nur den Wahnsinnigen und den Skrupellosen.

Und dieses Mal auch – wie nebenbei – den US-Republikanern und der israelischen Regierung.“

Alleine wirken diese Worte als Vorwurf, der Arabische Frühling sei von den Angeklagten initiiert worden, um Macht zu erlangen oder zu sichern. Im Kontext erscheinen Republikaner und israelische Regierungsmitglieder jedoch nur als Nutznießer und letztendlich eher als Brandbeschleuniger des Feuers. Zieht man hieraus den Vorwurf des Antisemitismus, sollte man auch den Gehalt an Antiamerikanismus, Rassismus (gegen den schwarzen US-Präsidenten) und natürlich Antiprotestantismus (schließlich sind die Republikaner kaum für Atheismus bekannt) sowie Antikonservatismus (was sollte man bei der Kolumne „Im Zweifel links“ auch anderes erwarten?) betrachten.

Zuletzt bedient man sich aus dem bereits genannten Artikel „Gesetz der Rache“:

Gaza ist ein Ort aus der Endzeit des Menschlichen. 1,7 Millionen Menschen hausen da, zusammengepfercht auf 360 Quadratkilometern. Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager. Israel brütet sich dort seine eigenen Gegner aus.“

Einen Nachweis für diese These findet Augstein bei den Wikileaks-Veröffentlichungen. Unmittelbar vor entsprechender Passage heißt es: „Wir wissen aus den WikiLeaks-Depeschen, was Israel in Gaza tut. Im Jahr 2008 erklärten israelische Offizielle den Amerikanern, dass Gaza ganz bewusst und absichtsvoll „am Rand des Kollaps“ gehalten werde, ohne dass es aber zum völligen Zusammenbruch komme. Gaza solle „auf dem niedrigsten Level funktionieren, der gerade noch eine humanitäre Katastrophe“ ausschließe.“

Bei der Auswahl der Zitate gab es glücklicherweise tatkräftige Unterstützung aus Deutschland. Henryk M. Broder wird exklusiv im Report genannt. Recherchiert man ein wenig zu diesem guten Manne, stößt man auf „Die ACHSE DES GUTEN“. Auch hier greift Broder Augstein an. Es heißt unter anderem bezugnehmend auf den Artikel „Wem nützt die Gewalt?“: „Jakob Augstein, ich sage es noch einmal, ist st [sic] ein lupenreiner Antisemit, eine antisemitische Dreckschleuder. Ich weiß, das ist eine schwere Beleidigung. Ich fordere Augstein auf, mich zu verklagen. Er ist vermögend, er kann sich die besten Anwälte leisten. Ich könnte ihm einen Münchner Anwalt empfehlen, der schon David Irving vertreten hat. Und noch was: Ich rufe nicht nach Zensur, ich habe nichts dagegen, dass Augstein seine antisemitischen Halluzinationen auf SPON oder im Freitag veröffentlicht. Meinungsfreiheit ist für alle da. Ich stelle nur fest: Er ist ein lupenreiner Antisemit, eine antisemitische Dreckschleuder, der kleine Streicher von nebenan.“ (http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/ein_lupenreiner_antisemit_eine_antisemitische_dreckschleuder/)was dankbar in Teilen des Reports aufgegriffen wird. Ein Hoch auf die seriöse Auseinandersetzung mit ernsten Thematiken.

Insgesamt eine eher Schwache Beweisführung, bedenkt man den Ernst der Anschuldigung, insbesondere mit dem Hintergrund der deutschen Geschichte. Man erweckt schnell den Eindruck, der Antisemitismusvorwurf könne beliebig verwendet werden, um jedwede Kritik zu entkräften. Man stelle sich vor, Kritik an die Bundesregierung werde mit einem saloppen „Anti-Germanismus“ abgebügelt. Das sollte und kann nicht die Form einer vernünftigen Debattenkultur sein. Vielmehr bewegt man sich hierbei schon fast auf dem Niveau von Personen wie Ahmadinedschad. Gespenster, Verschwörungen und Existenzängste gepaart mit religiösen Fanatismus werden als bestimmendes Paradigma durchgesetzt. Nur stößt dies immer mehr auf Hindernisse. Die Argumentation ist inzwischen abgenutzt.

Es bleibt nur zu hoffen, dass nicht ein Effekt der Immunisierung wie bei Antibiotika auftritt. Was soll denn noch helfen, wenn sich wirklicher Antisemitismus festsetzt und man die Medikamente schon beim einfachen Schnupfen verschwendet hat?

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From → Gesellschaft

One Comment
  1. Reblogged this on monopoli.

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