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Auf dem Weg zum Neo-Merkantilismus!

Mai 7, 2012

Merkantilismus werden viele noch aus dem Geschichtsunterricht als ein Wirtschaftsphilosophie kennen, die vor allen durch die französischen Absolutisten geprägt worden ist. Ausgangslage war die Entwicklung des Militärs hin zu stehenden Heeren, die allerdings horrende Summen zur Unterhaltung bedurften. Der Staatshaushalt musste also auf feste Füße gestellt werden. Der Souverän, der ausreichend Finanzmittel hat, kann sich größere Instrumente der Machtpolitik leisten, sprich die Verfügbarkeit professioneller Streitkräfte. Das wiederum befähigt ihn zu einer effektiveren Wirtschaftspolitik, wie etwa die Akquirierung von Rohstoffen oder Absatzmärkten.

Zentrale Annahme aus dieser Perspektive ist das Nullsummenspiel des globalen Handels aber auch der Macht. Das bedeutet schlichtweg, dass die Elemente der Wirtschaft und Machtverteilung limitiert sind. Wenn jemand ein Stück des Kuchens bekommt, stellt das Einbußen für die Konkurrenten dar. Daraus resultiert das Bestreben der Staaten sich gegenüber den Mitspielern günstig zu positionieren. Es gilt also Rohstoffe an sich zu reißen, die Verarbeitung im eigenem Land sicherzustellen und die Fertigprodukte gewinnbringend zu exportieren, um so die eigenen Machtmittel, also Streitkräfte und Geld beziehungsweise Wertgegenstände, auszubauen. Dazu griff der Staat massiv in die Wirtschaft ein. Um den eigenen Markt zu schützen, wurde ein intensiver Protektionismus betrieben. Das äußerte sich durch eine Schutzzollpolitik, die importierte Fertigwaren vom Binnenmarkt fern halten, jedoch die Rohstoffzufuhren fördern sollte.

Im Zuge der Erkenntnis von Adam Smith über potentielle Funktionsweisen der Märkte, wurde die merkantilistische Handlungsweise zurückgedrängt. Die Wirtschaft wurde individueller betrachtet. Die einzelne Person erlangt höhere Geltung, wo zuvor noch der Souverän bestimmender Akteur war. Die Idee, die unsichtbare Hand des Marktes reguliere die Wirtschaft im Spannungsfeld der Partikularinteressen und des Allgemeinwohls hin zum Wohle aller, verbreitete sich. Die Transnationalisierung von ökonomischen Prozessen und damit eine intensive internationale Vernetzung ist unter anderem ein Resultat der neuen Perspektive.

Im Zuge der Globalisierung fielen somit schließlich zahlreiche Zollgrenzen. Es hatte den Anschein, dass ein Art freier Weltmarkt entstehen könnte. Unterfüttert wurde dies nicht zuletzt durch die Vollendung des europäischen Binnenmarktes als Zäsur für staatliche Zusammenarbeit. Unlängst wurde dieser Trend bereits gestoppt und spätestens seit der Finanzkrise, die Ende 2007 ihren Anfang nahm, wieder verkehrt.

So versuchen die Russen mit hohen Importzöllen auf Automobile und Zulieferteile die Konzerne zu zwingen, Produktionsstandorte in der Föderation aufzubauen. Wer mehr als 300.000 Fahrzeuge in Russland fertigt und 60% der dazu nötigen Teile auch hier herstellen lässt, kann Zollnachlass für weitere Komponente erwarten. Weiterhin drosselt die ehemalige Sowjetmacht Exportgüter. Das sorgte bereits für Aufregung auf dem Energie- wie auch dem Getreidemarkt.

Damit stehen die Russen nicht alleine da. Auch die Chinesen übten mit Exportregulierungen Druck aus. Insbesondere Japan wurde vermutlich gezielt von der Zufuhr abgeschnitten, allerdings sind auch die europäischen Staaten sowie die USA betroffen. Weiterhin zwingt das kommunistische Regime ebenfalls Konzerne zum Fabrikbau im Gegenzug zum Marktzugang. In zahlreichen Branchen müssen Unternehmen zusätzlich ein „Joint Venture“ eingehen. Das bedeutet, dass der ausländische Konzern beziehungsweise dessen Tochterunternehmen in enge Kooperation mit einer chinesischen Firma gehen muss. Dabei sind Patentübertragungen mit inbegriffen.

Möchte man meinen, dass der Hort des Liberalismus hier anders agiert, täuscht man sich. Die Vereinigten Staaten agieren ebenfalls mit protektionistischen Elementen. Auch hier versucht man die Wertschöpfung ins Inland zu ziehen. Staatsaufträge werden erst vergeben, wenn diese zu über die Hälfte in den USA stattfindet. Jedoch werden ohnehin nationale Unternehmen bevorzugt, die zusätzlich durch satte Subventionen unterstützt werden. Auch auf dem Weltmarkt nutzen die USA einen anderen Weg als den freien Markt. Derzeit werden unterschiedliche Handelsabkommen geschlossen, die auf bilateraler Basis den regionalen Freihandel etablieren sollen. Somit werden Marktsegmente vom Weltmarkt abgeschottet. Das wirkt gegen die Leitprinzipien der Welthandelsorganisation (WTO), denen man in Nordamerika ohnehin kaum noch Beachtung schenken möchte. Ursache aber zugleich Resultat ist der desaströse Zustand der US-amerikanischen Wirtschaft.

Doch auch südlicher wird der freie Weltmarkt nicht sonderlich geschätzt. Venezuela mit den sozialistischen Prägungen durch den Präsidenten Chávez steht diesem Modell per se nicht sonderlich geneigt gegenüber. Argentinien scheint hier ebenfalls Anschluss zu suchen. Die Präsidentin Kircher unterzeichnete neulich das Gesetz zur Verstaatlichung des Ölkonzerns YPF. Auch waren vor kurzem noch Schlagzeilen über die Importregulierungen des Landes zu lesen, die zu erheblichen Mängeln in der Bedarfsdeckung der Bevölkerung führten. So wurden beispielsweise Bücher nicht nur selten, sondern auch teuer. Ziel war die Eingrenzung der katastrophalen Handelsbilanz des Landes.

Aber auch die neue Handelsmacht Brasilien sieht nicht nur Chancen im Weltmarkt. Durch den Rohstoffboom wurde die nationale Währung, der Real, massiv aufgewertet, was Exportaussichten drückt, dafür aber den Import beflügelt. Folglich wurden Schutzzölle erhoben, was Brasilien in die Liste der Länder mit den höchsten Einfuhrzöllen katapultierte. Durch diese Maßnahme hofft die Regierung weiterhin ausländische Unternehmen zur Produktion im Inland zu drängen.

Aber auch hiesige Gefilde unterliegen nicht wirklich freiheitlichen, marktwirtschaftlichen Mechanismen. Innerhalb der EU wird die Wirtschaft vor allen durch eine intensive Subventionspraxis gelenkt. Vor allen die Agrarwirtschaft wird im hohen Maße gefördert. Auch einzelne Mitglieder versuchen ihren Markt zu schützen. Allen voran könnte man Frankreich nennen. Hier erzielte die rechtsextreme Le Pen sogar mit der konkreten Forderung nach einer Annäherung an den Merkantilismus, der schon begrifflich an die glorreichen Zeiten Frankreichs erinnert, deutliche Erfolge.

 

Es wird ersichtlich, dass der Globalisierungstrend nicht mit der Erweiterung eines freien Weltmarktes einhergeht. Vielmehr wird wieder die Konkurrenz zwischen den ökonomischen Großmächten ausgebildet. Wie im theoretischem Ansatz des Merkantilismus hat es den Anschein, dass ein gemeinsames Wachsen nicht möglich ist, sondern prinzipiell begrenzt ist. Das führt dazu, dass es für jeden Akteur gilt, sich gegenüber den anderen besser zu positionieren. Der Vorteil des einen ist des anderen Nachteil. So verwundert es kaum, dass durch die Presse immer öfters Begriffe wie „Handelskrieg“ geistern. Ins Hintertreffen geraten hierbei kleinere Volkswirtschaften. Insbesondere afrikanische und teilweise asiatische Staaten sind hiervon betroffen. Sie werden zu Rohstofflieferanten degradiert. In einer gesunde Weltwirtschaft, die eine globale Wohlfahrtoptimierung als Priorität begreifen sollte, können solche Staaten eine Chance für einen beidseitigen Gewinn bieten, in der neo-merkantilistischen Welt stellen sie einen möglichen (ökonomischen) Feind dar. Zu einer solchen Perspektive tendieren derzeit jedoch die einzelnen Staaten. Gewiss hängt deren Verhalten von der ideologischen Ausprägung und damit von der Erwartung ab, welche Handlungsweisen sich am besten auf die heimische Peripherie auswirken, allerdings führt eine Nationalisierung zu einem höheren Konfliktpotential, der bereits in der Historie schon zur Genüge zu Verteilungskriegen führte.

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9 Kommentare
  1. humanicum permalink

    Die Abschottung der eigenen Märkten und Einbindung der Peripherien beschleunigt sich mit der globalen Ressourcenverknappung. Das klassische Prinzip des Merkantilismus war die Vergrößerung der Exportüberschüsse bei gleichzeitiger militärischer und machtpolitischer Absicherung und Dominierung der Handelwege und Markt – Mechanismen zum Wohl der Regierung, d.h. des absolutistischen Herrschers. die Bindung des Geldes am Goldwert und die Übertragung von sichtbaren Handelsinsignien auf die vom Herrscher bestimmten Händler (Gilden) war ein weiteres Merkmal. Mit dem Aufkommen extrem zerstörerischer Militärtechnologien bis hin zur Atombombe, machte plötzlich die Doktrien der von der Weiterführung von Handel und Wirstchaftspolitik mit der Waffe keinen Sinn mehr, denn wer hätte noch etwas von zerstrahlten und entvölkerten Marktgebieten. Adams Smith invisible Hand – der vom Staat entkoppelten automatischen (unsichtbaren) Selbstregulation des freien Marktes nach Angebot und Nachfrage, verlagerte die Aktionsmuster von der staatlichen Ebene auf die individuelle und korporatistischen Ebene. Es entstanden multinationale Konzerne, die dezentral operieren und dadurch keine klare Zuordnung mehr zu nationalen oder Großregionalen Handelsräumen mehr zuließen. Was wir als eomerkantilismus beobachten, ist also wenig mit dem klassischen Modell vergleichbar. Aus einer gewissen antiquierten Denk- und Handelsweise heraus versuchen Staaten mit merkantilistischen Marktabschottungen und Exportforcierungen die ballance of power, das Spiel des eigenen Macht- und Marktvorteils wiederzubeleben. Diesmal aber mit einer wesentlichen Veränderung. Nicht mehr das eigene Zentrum wird geschützt, sondern die Grenzen der Peripherie verschoben und gegen externer Einflussnahme dicht gemacht. Und nicht mehr der Exportüberschuss durch veredelte Waren ist entscheident, sondern die Erschließung selten (werdender) Rohstoffe, die für die eigene Binnenproduktion benötigt wird. Die Rohstoffe bezieht man praktischerweise gleich mit aus der Peripherie. Die alten Wirtschaftsmächte haben dieses neue Paradigma noch nicht ganz verstanden. So bietet China rohstoffreichen Ländern in Afrika einen besonderen deal an: Rohstoffe gegen Entwicklung. Strassen, Städte, Kraftwerke gegen Mangan, Nickel, Kobald – seltene Erden, die für die Hightech unerlässlich sind, und die immer knapper werden. Europa hat darauf sehr hilflos reagiert. Die USA versuchen über die WHO Druck aus zu üben, China solle gefälligst seltene Erden zu fairen preisen verkaufen. Ausgerechnet die USA verlangen in einer situation der sich verändernden Machtverhältnissen Fairnis, hatten sie sich doch bislang selbst wenig daran gehalten.
    Es bleibt zu hoffen, dass wir vom Paradigma des ewigen Wachstums und des Nullsummenspiels der Macht wegfinden, hin zu einer sozial – ökologischen Weltmarktwirtschaft, das zu einer win-win Situation durch Kooperation führt und nicht zu einer win – lost Situation oder gar lost-lost Situation, wie bislang.

    viele Grüße René Brandstädter

    • Vielen Dank für den Kommentar. Gerade im Bezug auf den letzten Satz, stellt sich mir die Frage, warum man vom Paradigma des „Ewigen Wachstums“ abkommen sollte. Legt man dieses ab, führt das letztendlich doch zum Nullsummenspiel, da Märkte, Ressourcen, Produktionskpazitäten usw begrenzt sind und folglich Begehrlichkeiten geweckt werden. Eine absolute Gleichverteilung ist zu utopisch. Von daher muss man gerade diese Win-Win-Situation klar herausstellen, die durch Wachstum forciert wird. Allerdings, was man an dieser Stelle auch zugeben muss, gestalten sich die Gewinne dabei nicht gleichverteilt.

      • humanicum permalink

        Ja das sehe ich ähnlich. Das Wachstumsparadigma erfährt vielleicht eine Modifikation – quantitatives Wachstum wandelt sich mehr zum qualitativen.Effektivere Ressourcenausnutzung, z.B. durch Recyclin Technologien, einen höheren energetischen Wirkungsgrad von Kraftwerken oder Fahrzeugmotoren, geschlossene Stoffkreisläufe innerhalb einer sozial ökologisch ausgerichtetn Marktwirtschaft udgl. mehr. Das Nullsummenspiel würde durch Kooperation durch den win win Effekt quasi ausgehebelt oder doch zumindest relativiert.

        Allerdings bin ich im Anbetracht der menschlichen Antiquiertheit nicht sehr zuvrsichtlich, dass sich dieser Wandlungsprozess ohne Konflikte durchleben lässt. leider

  2. humanicum permalink

    WHO? Soll heissen world Trade Organisation, WTO – hm, stimmt das jetzt?

    • WHO dürfte im allgemeinem Sprachgebrauch für die World Health Organization stehen. Daher soltle man bei der Welthandelsorganisation durchaus lieber von der WTO sprechen.

      • humanicum permalink

        ja genau, das war die Verwechslung 😉

  3. Der Autor ist gut informiert. Einer der besseren Essays über dieses komplexe Thema.
    Wir werden ab heute Ihrem Blog folgen.
    Nette Grüße

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