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Die Würde verloren, der Ehre beraubt?

März 9, 2012

Gestern schließlich wurde der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff in allen formellen Ehren aus seinem Amt verabschiedet. Zu Unrecht, lautet zumindest ein breiter Tenor. Seit Ende letzten Jahres war der einst erste Mann im Staate permanent in den Medien präsent. In dieser Zeit war oft die Rede von Ansehen und Würde des Amtes sowie die Schädigung eben dieser. Erst die Ankündigung der Staatsanwaltschaft, die Aufhebung der Immunität vor dem Parlament einzufordern, zwang Wulff zum Rücktritt. Der Vorwurf lautet: Vorteilsnahme. Unfassbar, das höchste Amt der Bundesrepublik soll von einem solchen Mann repräsentiert werden? Dazu fordert er auch noch verwegen alle Ansprüche ein, wie etwa den Ehrensold, der ihm schon des Namens wegen eigentlich nicht zustehen sollte. Büro samt Sekretärinnen, Chauffeur und Wagen sollen da noch dazukommen. Warum also jetzt auch noch der Große Zapfenstreich? Ihren Unmut taten daher zahlreiche Demonstranten kund, indem sie mit ohrenbetäubenden Lärm die Veranstaltung störten – und dieser der Ehre beraubten…

Freilich war Herr Wulffs Verhalten alles andere als taktvoll, vernünftig und vielleicht auch nicht sonderlich angemessen. Nichtsdestotrotz wurde er von den „Stahlgewittern“ der Presse mehr oder weniger aus dem Amt gejagt, ohne erwiesene Schuld. Zwar waren die Verfehlungen der Auslöser, im Vergleich zu anderen Eskapaden in der Politik jedoch vergleichsweise unbedeutende. Die Nähe zu Spitzen der Wirtschaft, die im Übrigen schon vor seiner Zeit als Ministerpräsident in Niedersachsen stammten, wurden ihm zum Verhängnis. Ein günstiger Kredit, den er verschwiegen hatte, eine Aufwertung der Reiseklasse im Flugzeug oder eine Übernachtung. Neben Bunga-Bunga-Feierlichkeiten, erheblichen Schmiergeld-Affären, Veruntreuung von Steuergeldern oder andere Vergehen wirken die Untaten von Wulff fast chorknabenhaft. Seine naiven Versuche eine Ausrede zu finden, zeugten doch eher von Verzweiflung als von Durchtriebenheit. Wurde so das Amt beschmutzt? Wohl kaum. Vielmehr das Gerede um die Beschädigung der Institution Bundespräsident entfalteten eine solche Wirkung. Auch die beständigen Anschuldigungen, Vorhaltungen und hämische Spötteleien zahlreicher Journalisten und Politiker waren der Sache alles andere als zuträglich. Nicht der Mann, der krampfhaft versucht Normalität in seinen Abgang zu zwängen, greift die Würde des Amtes an, es sind die Vuvuzelas, die von Wutbürgern im Rausch der Demonstrationswut geblasen werden. Und es sind diverse Politiker, die aus einer vermeintlich moralisch überlegenen Position den Anstand haben, einen am Boden liegenden noch zu treten.

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From → Gesellschaft

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